Politisches Tagebuch

Das Hochwasser hat unsere heile Welt verändert

Drei Wochen ist es heute her, als Ahr, Rur, Inde, Wurm und Vichtbach mit ihren Wassermassen unsere Welt grundlegend verändert haben. Drei unfassbare Wochen. Ein paar persönliche Gedanken von mir.

Das Wichtigste vielleicht gleich zu Beginn: Ich schreibe meine persönlichen Erfahrungen und Gefühle nieder und ordne sie daher in eine Rubrik "Politische Tagebuch" ein. Ich möchte keinen Wahlkampf auf dem Rücken der vielen, vielen Opfer machen und doch ist das, was passiert ist, ein hochpolitisches Thema.

Sorglosigkeit

Was alle Menschen, mit denen ich bisher sprechen konnte, vereint, ist der immer gleiche Satz: "Niemand konnte ahnen, dass es so schlimm wird". Und natürlich ging es mir ganz genau so. Es war Starkregen angekündigt und am Mittwoch wurde deutlich, dass die Inde in meiner Heimatstadt Eschweiler über die Ufer treten wird. In Panik bin ich nicht geraten, sind wohl die Allermeisten nicht. Und noch am Donnerstag Morgen, den ersten Stunden nach der Flut, war vielen nicht wirklich klar, was passiert war.

Information

An diesem Zeitpunkt wird bereits deutlich, was mich in den folgenden Tagen begleiten würde: Der Zugang zu verlässlichen Informationen war für viele Menschen schlicht nicht möglich. In den sozialen Netzwerken gingen Bilder und Videos aus Stolberg, Vicht, Eschweiler aber natürlich auch aus der Region Ahrweiler schnell viral. Es wurde sofort klar, dass wir mitten in einer unfassbaren Katastrophe stecken. Aber die Menschen, die eben keinen Zugang zu diesen Netzwerken haben, die keinen facebook-Account oder kein Smartphone haben, die keinen Strom und keine Internetverbindung mehr hatten, diese Menschen wurden schlicht von der Information ausgesperrt. Hier mache ich den klassischen Medien einen großen Vorwurf. Keine Berichterstattung im WDR-Fernsehen, keine ortsgenauen Informationen im WDR-Rundfunk. Ganz besonders enttäuscht aber war ich von der lokalen Presse. Wenn schon nicht der Versuch gemacht wurde, mit gedruckten, kostenlosen Sonderausgaben zu informieren, wurde Berichte online auch noch hinter der Paywall versteckt und zahlenden Lesern vorbehalten.

Solidarität

Solidarität haben wir in den letzten Wochen alle gespürt. Wir haben im Rahmen der jeweils eigenen Möglichkeiten geholfen, wir haben verzichtet und geteilt. Das Verhalten des Aachener Zeitungsverlags aber war das genaue Gegenteil von Solidarität!

Solidarität auch auf einem anderen Gebiet: Die Spendenbereitschaft der Menschen erreicht neue Rekorde. Weniger solidarisch, aber symptomatisch ist die Hilfsbereitschaft der Bundesregierung. 200 Millionen Euro werden für die Flutopfer vom Bund bereitgestellt, 200 Millionen Euro vom Land NRW. Sofortauszahlungen haben begonnen und das Geld kommt auch tatsächlich bei den Betroffenen an. Aber wieviel Geld wird ausgezahlt? 1.500 Euro stehen in NRW als Sockelbetrag bereit, maximal erhält ein Haushalt 3.500 Euro. Hinzu kommen Gelder aus kommunalen Spendenaktionen. Was aber kann ein Haushalt mit diesem Betrag anfangen? Eine Familie, die Möbel, Elektrogeräte, Kleidung, Auto, Fahrräder - einfach alles verloren hat.

Ich musste spontan an die Abwrackprämie für Autos aus dem Jahr 2009 denken. 2.500 Euro bekam jeder Autobesitzer, wenn er ein neues Auto kaufte und sein altes verschrotten ließ. Ingesamt zahlte der Bund 2009 5,0 Milliarden Euro aus. 25 mal mehr Geld war verfügbar für die Autoindustrie als für Menschen, die ihre Existenz verloren haben. Ein Single-Haushalt, der alles verloren hat, letztlich vielleicht sogar gar keine bewohnbare Wohnung mehr hat, bekommt weniger Hilfe vom Bund als für den Neukauf eines Autos. Kapitalismus, wie er unverschämter nicht sein kann.

Konsequenz

Ab sofort muss sich etwas ändern: Vor Naturkatastrophen muss besser gewarnt werden. Sirenen sind sicher eine Möglichkeit, informieren sinnvoll aber nur in Kombination mit WarnApps (Nina, KatWarn) oder besser SMS-Nachrichten, die von allen - auch alten - Handys empfangen werden können. Ändern muss sich aber auch unsere Einstellung zu diesen Warnungen. Die prognostizierten Regenmengen, vor denen eindringlich gewarnt wurde, waren sogar höher als die tatsächlich gefallenen Regenmengen. Sorge vor diesem Starkregen hatten aber sicher die Wenigsten, ich hatte keine. Ändern muss sich für die Zukunft der Zugang zu Informationen. Die Abhängigkeit von Strom und Internet muss überwunden werden, um wirklich alle Menschen erreichen zu können: Kostenlose Sonderausgaben der Printmedien, Lautsprecherwagen, öffentliche Aushänge, Ansprechpartner für Informationen vor Ort in den besonders betroffenen Gebieten.

Klimawandel

Ich kann nicht sagen, wie Sie die Katastrophe einordnen, wie Du die Katastrophe einordnest. Mir ist aber klar geworden, dass das Thema Klimawandel nicht mehr nur ein wichtiges Thema ist. Wenn über den Klimawandel diskutiert wird, beginnen die Sätze oft mit "Bis Mitte des Jahrhunderts ... " oder "Bis zum Ende des Jahrhunderts ...". Es wurde über Ausstiegsszenarien und CO2-Zertifikate gestritten. Waldbrände in Nordamerika und Südeuropa, tauender Permafrost in Sibirien, der Methan freigibt, schmelzende Eisberge: Alles furchtbar weit weg.

Jetzt hat uns der Klimawandel mitten ins Gesicht geschlagen. Wir können nicht wegschauen! Wir müssen handeln! Sofort, schnell und konsequent. Die Klimasünden von 200 Jahren Kapitalismus, die Bausünden in den Innenstädten von 50 Jahren, die verschleppte Klimapolitik seit 20 Jahren, sie haben uns eingeholt.

Bereits die erste Berichte über die Flutkatastrophe, die ersten Interviews, machten aus der Flut eine "Jahrhundertflut". Später war es sogar eine "Jahrtausendflut" oder eine Flut, wie sie einmal in 10.000 Jahren passiert. Aus meiner Sicht sind das Versuche, Entschuldigungen zu suchen. Entschuldigungen für die eigene Naivität, das eigene Versagen.

Jahrhundertsommer hatten wir in den letzten Jahren viele, 1983, 2003, 2006, 2018. Die Naivität sollten wir jetzt ablegen. Die Wissenschaft prognostiziert seit über 30 Jahren die Wetterauswirkungen des Klimawandels. Wetterereignisse werden extremer und häufiger werden, sie sind extremer und häufiger! Die Sorglosigkeit, mit der wir dem Starkregen vor drei Wochen begegnet sind, darf sich nicht wiederholen. Wir müssen Flüssen Auslaufzonen bieten, wir müssen uns auf Stürme, Hitze, Dürre vorbereiten.

Jetzt! Sofort!

Wir müssen jedes Handeln, jede Entscheidung zu allererst aus Sicht des Klimas betrachten und bewerten. In einem Gespräch hörte ich einmal den Satz "Die Menschen haben noch nicht genug gelitten, damit sich wirklich etwas ändert." Wir müssen unser Handeln ändern. Jetzt! Sofort!